Bericht von der Fachtagung
„Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzungs- und Gewaltbereitschaft gegenüber ‚Fremden’ – Psychotherapie und Politik im Dialog”
am 4.12.2009, AK Wien Bildungszentrum
Eindrücke von der Fachtagung Fremdenfeindlichkeit am 4.12.09
Am 4. Dezember 2009 fand im Bildungszentrum der Arbeiterkammer eine Fachtagung des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie (ÖBVP) in Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer Wien (AK) und dem Wiener Landesverband für Psychotherapie (WLP) statt. Das Thema dieser Veranstaltung lautete: „Fremdenfeindlichkeit, Ausgrenzungs- und Gewaltbereitschaft gegenüber ‚Fremden’ – Psychotherapie und Politik im Dialog”.
Mit dieser Tagung setzte der ÖBVP einen weiteren Schritt, um zu einem tieferen Verständnis der kollektiven und individuellen Dynamiken bei der Entstehung von ausgrenzenden und rassistisch motivierten Haltungen und an Möglichkeiten zu ihrer Überwindung beizutragen. Bei dieser Tagung wurden auch die Fragen gestellt, wie PsychotherapeutInnen in der Praxis mit diesen Themen umgehen und ob es eine besondere gesellschaftliche Verantwortung der PsychotherapeutInnen bei der Überwindung von Fremdenfeindlichkeit gibt. Die Fachtagung diente dem kritischen Diskurs dieser Fragen und der Suche nach Verstehens- und Verständigungsansätzen.
Durch die Tagung führten die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbandes für Psychotherapie Dr.in Eva Mückstein und Dr. Gerhard Stemberger, Psychotherapeut und Beauftragter der AK Wien für Psychotherapie und Gesundheitswissenschaften.
Mag.a Alice Kundtner, Bereichsleiterin für Soziales der AK Wien eröffnete die Veranstaltung.
In Ihrem Einführungsvortrag erläuterte Dr. Eva Mückstein die Brisanz dieser Thematik sowohl aus gesellschaftspolitischer Sicht als auch für die Arbeit in der psychotherapeutischen Praxis. Psychotherapeutische Konzepte liefern Erklärungsmodelle und Verstehensansätze, die aber aufgrund der Zunahme von rechtspopulistischen Tendenzen und Ausländerfeindlichkeit einer Differenzierung und Erweiterung bedürfen.
Leonore Lerch, stv. Vorsitzende des WLP , hob hervor, dass die Auseinandersetzung mit Inter- bzw. Transkulturalität immer auch hieße, sich mit der eigenen Herkunft, der eigenen Verortung in der Gesellschaft, mit Privilegierung, mit Machtverhältnissen und der eigenen Teilhabe an Macht auseinanderzusetzen. Es gehe nie nur um „die Anderen”, sondern immer auch um uns selbst. Jede Psychotherapie stehe in einem historischen, kulturellen, und gesellschaftspolitischen Kontext und spiegele in der Auseinandersetzung des Individuums mit sich und der Welt gesellschaftspolitische Prozesse wider. Werden Ungleichheits- und Machtaspekte zwischen Personen und sozialen Gruppen nicht bewusst gemacht, reproduziere Psychotherapie unreflektiert die herrschenden Machtverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft: Psychotherapie ist politisch! Ob sie sich im Einzelfall zu einem emanzipatorischen Prozess entwickele, hänge vielfach von der psychotherapeutischen Haltung des/der PsychotherapeutIn ab.
„Fremdenfeindlichkeit – Ursachen, soziokulturelle Hintergründe und Einstellungsmuster“ lautete der Titel des Vortrages von Prof.in Dr.in Birgit Rommelspacher, Psychologin und Pädagogin aus Berlin, die 2009 für Ihren Einsatz für Toleranz im Zusammenleben mit Menschen anderer kultureller Herkunft und gegen jegliche Diskriminierung Andersdenkender mit der Luise – Schroeder – Medaille des Abgeordnetenhauses Berlin ausgezeichnet wurde.
In Ihrem Vortrag ging Prof. Rommelspacher zunächst auf die Frage ein, was den Rechtsextremismus als die radikalste Form der Fremdenfeindlichkeit so attraktiv macht und welche Positionen sich in ihm artikulieren. Die Anerkennung und das extrem starke Zugehörigkeitsgefühl in der Gruppe sind Motivation für die Entwicklung und Verstärkung radikaler Einstellungen, auch die Legitimation für Gewalt wird durch das Zusammengehörigkeitsgefühl geschürt. Die politische Motivation und das Machtmotiv sind ebenso wichtige Faktoren.
Es kommt zu einer Reinszenierung der Vergangenheit, indem Partei ergriffen wird für die Vorfahren, um diese zu rehabilitieren und dadurch wird der Nationalsozialismus fortgepflanzt. Macht– und Gewaltphantasien schüren den Hass gegenüber dem Fremden und dienen der Sichtweise der Dehumanisierung des Anderen. Der Widerspruch, der in diesen Positionen sichtbar wird, besteht einerseits in der Faszination der Macht- und Gewaltausübung ähnlich jener der Vorfahren, andererseits in der Verleugnung und Banalisierung des Holocaust.
Weiters analysierte Prof. Rommelpacher rechtsextreme Einstellungsmuster wie Autoritarismus, National(sozial)ismus, Rassismus und Antisemitismus, Wohlstandschauvinismus (Gewalt gegen Asoziale) und den Sozialdarwinismus – dem Kampf aller gegen alle. Weiters ging Sie auf den sozialen und psychologischen Hintergrund von rechten Einstellungen ein. Erstere wären die Angehörigkeit zur sozialen Schicht, Arbeitslosig- und Perspektivenlosigkeit, Misstrauen in die Demokratie, undemokratisches Milieu. Hintergründe, die in der Persönlichkeit begründet sind: hierarchisches Selbstinteresse – eigene Erhöhung aus der Abwertung der Anderen ziehen, nicht Aushalten von unterschiedlichen Positionen, Misstrauen und Projektionsneigung, aber hohe Lebenszufriedenheit – sie fühlen sich stark und wichtig.
Es wird immer wieder behauptet, der Rechtsextremismus speist sich aus der „Mitte“ der Gesellschaft, doch wo liegt eigentlich der Unterschied zum „Rand“? Gemeinsamkeiten sind zum Beispiel der Rassismus, der Antisemitismus und der Nationalismus, der Unterschied zum „Rand“ liegt hauptsächlich in der Ablehnung von Gewalt. Auch andere Ambivalenzen werden deutlich: Spannung zwischen Inländerprimat gegenüber Gleichheit und Gerechtigkeit, sozialer Heirarchie gegenüber den Menschenrechten und Abschottung gegenüber Internationalismus.
Als eindrückliches Beispiel für den ambivalenten Umgang mit Rechts- extremismus führte uns Prof. Rommelspacher das Verhalten von Eltern rechtsextremer Jugendlicher vor Augen. Vorerst verschweigen, psychologisieren und verharmlosen sie die Haltung ihrer Kinder; erst nach Konfrontation mit dem Gesetz verbieten und bestrafen sie diese – danach entstehen bei Ihnen Schuldgefühle und Abwehr. Das Meiden der inhaltliche Auseinandersetzung führt zu Isolation, erst dann suchen sie externe Hilfe.
Gegenstrategien sieht Prof. Rommelspacher in einer demokratischen Erziehung als Vorbeugung. Klare Verbote aussprechen und Grenzen setzen und sich inhaltlich und persönlich mit der Thematik auseinanderzusetzen. Dazu muß man sich die eigenen Ambivalenzen aber erst bewusst machen!
Univ.-Prof. Dr. Klaus Ottomeyer von der Universität Klagenfurt war der nächste Vortragende dessen Fachgebiete Friedensforschung, Gewalt und psychologische Traumatologie, Rechtsextremismus, Vorurteilsforschung und Fremdenfeindlichkeit sind. Der Titel seines Vortrages lautete: „Psychodynamik des Rassismus – psychodynamische Aspekte, Konzepte und Erfahrungen aus der Psychotherapie”.
Er erklärte, dass der westliche Rassismus nur durch Einbeziehung der Geschichte der Kolonialisierung und der säuberlich Menschen sortierenden „Gärtnerstaaten” – Unterschied zwischen Unkraut und hochwertigen Pflanzen (von Zygmunt Bauman) verständlich ist.
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit sind ein zentraler Teil des Rechtsextremismus-Syndroms, aber mit diesem nicht deckungsgleich.
Die große Angst dahinter ist die Mixophobie – die Vermischung der Rassen. Konkrete Ausformungen des Rassismus entstehen in einem Zusammenwirken von drei Faktorenbündeln:
In Zusammenhang mit einem Modell von Freud und Rudolph Loewenstein erklärte Prof. Ottomeyer, dass die Psychodynamik des Rassismus und der Fremdenfeindlichkeit dadurch entsteht, dass an der Figur des Fremden die Realangst des Ich, die Gewissensangst des Ich und die „neurotische Angst vor der Stärke der Leidenschaften“ angelagert und handhabbar gemacht wird. Fremde werden gehasst weil sie Über-Ich Anforderungen stellen, in vielen Beispielen zeigte uns Prof. Ottomeyer, dass der herabwürdigende Witz nur der eigenen Selbsterhöhung gegenüber den „Minderwertigen“ dient. Es kommt zu einer Verzerrung der Wahrnehmung und einer reflexähnlichen Übergeneralisierung im Umgang mit Fremden.
Im Anschluß erläuterte Prof. Ottomeyer noch einige Beispiele aus der Arbeit mit jungen Rechtsextremen, wo verschiedene psychodynamische Aspekte eine Rolle spielen, ebenso wie in der Arbeit mit traumatisierten Menschen.
Nach diesen beiden sehr intensiven und aufschlussreichen Vortägen ging es in eine kurze Kaffeepause, in der angeregt diskutiert wurde.
Danach war Mag.a Barbara Prammer, Nationalratspräsidentin und Soziologin mit ihrem Vortrag „Demokratie braucht Zivilgesellschaft“ an der Reihe.
Ihr Statement war, dass sowohl Politik als auch Psychotherapie in dieser Thematik stark gefordert sind. Sie lieferte uns Fakten und Zahlen von Untersuchungen zum Thema Demokratiebewusstsein unter dem Titel „Wertewandel in Österreich”. Die Zahlen sind teilweise erschreckend – z.B. interessieren sich 44% der Befragten kaum bis gar nicht für Politik und nur 8% engagieren sich für das Gemeinwesen. 66% der Arbeitslosen leiden an Orientierungs- und Perspektivenlosigkeit und haben geringes Selbstvertauen. Mag. Prammer erwähnte ein treffendes Zitat des deutschen Finanzministers Peer Steinbrück zu dieser Thematik: „Du hast dich nicht um mich gekümmert, ich verlasse deine Demokratie”!
Sie schilderte uns auch die guten Erfahrungen, die in der Arbeit mit Jugendlichen in der sogenannten „Demokratiewerkstatt“ im Parlament gemacht werden.
Als nächste Vortragende hörten wir Mag.a Uta Wedam, Psychotherapeutin und Supervisorin. Sie ist Leiterin des Rehabilitationszentrums „ZEBRA” in Graz, welches mit Opfern von Krieg, Folter und anderen Formen politischer Gewalt arbeitet. Sie ist außerdem Lehrtherapeutin und Lehrbeauftragte an der Uni Graz und Klagenfurt.
Der Titel ihres Vortrages lautete: „Therapeutisch versus politisch – darf Psychotherapie unpolitisch sein?“
In ihrer psychotherapeutischen Arbeit mit traumatisierten Menschen aus anderen Kulturen spielt der Zusammenhang zwischen sozialpolitischen und individuell intrapsychischen Prozessen eine wesentliche Rolle. Gesellschaftliche Strukturen wirken sich auf die Lebensbedingungen von Menschen aus und deshalb kann auch die politische Realität nicht aus dem therapeutischen Geschehen herausgehalten werden. Der dialektischen Beziehung zwischen Mensch und Umwelt muß in der therapeutischen Beziehung Rechnung getragen werden. Sie ist der Meinung, wenn die Ablehnung des Fremden, Vorurteile und gedankenlose Stereotypisierungen in die gesellschaftlichen Strukturen eindringen und das Zusammenleben in einer multikulturellen Gesellschaft beeinflussen, dass auch im therapeutischen Setting eine Auseinandersetzung damit erfolgen muß, indem die TherapeutInnen Verantwortung übernehmen und eine Haltung einnehmen müssen.
Nach dem Vortrag von Mag.a Wedam ging es in die wohlverdiente Mittagspause, wo die Gäste mit leckeren Snacks verwöhnt wurden und bei Kaffee und Kuchen weiterhin angeregt diskutiert wurde.
Abschlussredner war Norbert Bacher-Lagler, Vizepräsident der AK-Wien zum Thema: „Wahlkampf im Gemeindebau“.
Er schilderte in sehr anschaulicher, lustiger und pointierter Art und Weise von seinem Projekt im Gemeindebau: Die Sprachlosigkeit und das Ausgrenzungsverhalten der Menschen aus unterschiedlichen Kulturen durch Besuche und Gespräche in Privatwohnungen und Gasthäusern zu verändern . Er möchte durch seinen Einsatz und durch das Fördern der gegenseitigen Unterstützungen und Hilfen das Gemeinschaftsgefühl verbessern.
Die rund 300 TeilnehmerInnen, die an der Veranstaltung teilnahmen, teilten sich anschließend in Gruppen zwischen 30 und 40 Personen auf und nahmen an 6 verschiedenen Workshops teil.
Den ersten Workshop mit dem Titel:“ Von der akzeptierenden Jugendarbeit zur zivilgesellschaftlichen Verantwortung: Unterschiedliche Modelle im Umgang mit Rechtsextremismus“ leitete Prof.in Dr.in Birgit Rommelspacher.
Workshop 2 wurde von Mag.a Christa Paulinz, Psychotherapeutin, Beratungslehrerin in NÖ und Mitarbeiterin in verschiedenen Projekten Einrichtungen und Initiativen für Säuglinge, Kinder und Jugendliche geleitet. Thema war: Schule und Konflikte durch fremdenfeindliche und ausgrenzende Haltungen – was kann die Aufgabe der PsychotherapeutInnen sein?
Der 3. Workshop zum Thema:“ Psychotherapie mit Tätern und Opfern: Erkenntnisse für die psychotherapeutische Praxis und den gesellschaftlichen Umgang mit Fremdenfeindlichkeit“ wurde geleitet von Dr.in Reingard Cancola, Psychotherapeutin, Klinische und Gesundheitspsychologin. Sie ist stellvertretende psychotherapeutische Leiterin im Forensisch-therapeutischen Zentrum in Wien (FTZW) und Mitglied des Kommission Wien I des Menschenrechtsbeirats.
Mag.a Uta Wedam leitete Workshop 4 zum Thema: „ Fremden- feindlich motivierte Vorurteile – Hintergründe und Umgang“.
Workshop 5 wurde von Mag. Wolfgang Zimmer, Jurist und Leiter der Beratungsstelle für Opfer und ZeugInnen von Rassismus, Verein ZARA geleitet mit dem Titel: Handlungsmöglichkeiten gegen Rassismus geleitet.
Dr.in Ulrike Blom, Praktische Ärztin und Psychotherapeutin ist Leiterin des Zentrums für Binationale und interkulturelle Paare und Familien (CBIF) und leitete Workshop 6 zum Thema: „Psychotherapie mit MigrantInnen und binationalen Paaren“ – Einfluß von Wertehaltungen; Bedeutung, Möglichkeiten und Grenzen der Psychotherapie.
Danach gab es wieder die Möglichkeit sich bei Kaffee und Kuchen zu laben, bevor im Plenum die Ergebnisse und Eindrücke aus den Workshops berichtet und diskutiert wurden.
Abschließend zog Dr.in Eva Mückstein ein Resumee dieser sehr interessanten und informativen Veranstaltung mit dem Hinweis darauf, dass der Wunsch besteht öfter solche Veranstaltungen mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten zu gestalten.